Worten müssen Taten folgen

Zum Rehabilitierungsschreiben der Bildungssenatorin Günther-Wünsch an den Pädagogen Inácio-Stech erklären Franziska Brychcy, bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion, und Klaus Lederer, Sprecher für Queerpolitik:

„Es war lange überfällig, dass die Bildungssenatorin sich nach der öffentlich ausgetragenen Debatte um das homophobe Mobbing an der Carl-Bolle-Grundschule, im Laufe derer aus dem betroffenen Pädagogen Inácio-Stech de facto ein potentieller Täter gemacht wurde, jetzt bei ihm entschuldigt und ihn explizit rehabilitiert. Wir begrüßen diesen Schritt der Senatorin ausdrücklich. Damit ist aber auch klar: Ihre wiederholte Aussage in Parlament und Bildungsausschuss, es habe im Umgang mit den Vorfällen an der Carl-Bolle-Grundschule keinerlei Fehler gegeben, vielmehr stünden nach wie vor ein möglicher Kinderschutzfall, gegenseitige Anschuldigungen sowie gegenseitiges Fehlverhalten im Raum, war haltlos. Darüber lässt sich nicht einfach hinweggehen.


Queere Menschen sind in Berlins Schulsystem nach wie vor massiven Diskriminierungen und hohen psychologischen Belastungen ausgesetzt. Selten werden diese öffentlich. Neben den Vorgängen an der Carl-Bolle-Grundschule war das im vergangenen Jahr etwa am Campus Rütli der Fall, wo ebenfalls queerfeindliches Mobbing stattgefunden hat. Die Reaktion auf derartige Vorfälle lautet regelmäßig: relativieren, ignorieren, die Betroffenen zum Problem oder gar zu Tätern erklären. Eine offene Fehlerkultur hingegen existiert nicht. Stattdessen werden diejenigen, die Kritik üben oder diskriminierungsfreie Räume einfordern, als Störenfriede abgetan, die damit vermeintlich den Schulfrieden gefährden – für die Betroffenen der pure Hohn. Unsere Akteneinsicht hat darüber hinaus tiefliegende homophobe Ressentiments in der Schule und bei der zuständigen Schulaufsicht Mitte offengelegt, auf die die Bildungsverwaltung nicht adäquat reagierte. 


Eine Entschuldigung und die Rehabilitierung im konkreten Fall genügen deshalb nicht: Angesichts zunehmender Queerfeindlichkeit in der Gesellschaft erwarten wir, dass das Problem in seiner gesamten Dimension ernstgenommen wird. In der Konsequenz gilt es, daran zu arbeiten, die systematische Ausgrenzungs- und Relativierungspraxis im Berliner Schulwesen aufzuarbeiten und zu überwinden. Dazu gehört auch, dass die Spitze des Hauses die strukturelle Queerfeindlichkeit anerkennt, die im reflexhaften Beschwören der Gefahr für das Kindeswohl besteht, die queere Lehrpersonen angeblich darstellen. Die Rehabilitierung Inácio-Stechs darf aus unserer Sicht nicht das Ende der Auseinandersetzung mit Vorfällen wie denen an der Carl-Bolle-Grundschule sein, sie muss am Beginn grundlegender Veränderungen stehen. Wir halten daran fest, dass es dringend eine niedrigschwellige, unabhängige Beschwerdestelle gegen Diskriminierung für den Bildungsbereich gebraucht wird.“